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Die Kunst der Einfachheit

Von Telemann bis Carl Nielsen haben sich Komponisten und Textdichter zu Frühlingskantaten inspirieren lassen. Was dem Volkslied leicht fällt, wird für die Kantate zur Herausforderung.

Von Clemens Haustein

Dass das Genre der „Frühlingskantaten“ (und ebenso ihre Diskographie) so dünn – dabei aber exquisit – bestückt ist, dürfte auch mit solchen Problemen zu tun haben, mit denen wohl nicht nur Nielsen zu kämpfen hatte. Dass der Frühling die Menschen zum Singen treibt, greift die Form der Kantate in professionalisierter Weise auf. Zugleich sind die Komponisten mit der Forderung nach Einfachheit, ja Volksnähe konfrontiert. Denn kompliziert oder ambivalent ist am Frühling ja eigentlich nichts: Empfindungen von Freude, Harmonie, Erleichterung, Liebe herrschen vor, und die sind besonders unverstellt vielleicht behandelt im Volkslied. Die „Kunstmusik“ hingegen muss sich um Einfachheit bemühen und um Lauterkeit, will sie in diesem Fall nicht belanglos sein oder im Kitsch enden. (…)

Am weitesten bei der Dramatisierung des Sujets geht Sergej Rachmaninow, der für seine Kantate „Frühling“ für Bariton, Chor und Orchester ein Gedicht von Nikolai Nekrassow (1821-78) zur Vorlage nahm. Der Frühling erscheint hier als Macht, die den Menschen vom Bösen abhält. Ein Mann wurde von seiner Frau betrogen, den Winter über sinnt er auf Rache („Das Beil liegt schon bereit“), doch der Frühling hellt seine Gedanken auf: „Es weicht von mir der finstere Plan“, in triumphalem Gesang intoniert der Chor die Moral der Geschichte: „O duld’, so lang’ Du dulden kannst / Gott sei Richter Dir!“ Dass der Mann, wohl ein Bauer, gleich an die Ermordung seiner Frau denkt, verstört, reiht sich aber ein in eine Vielzahl an Beispielen, wo in der russischen Literatur Gewalt thematisiert wird. Gerade Nikolai Nekrassow kommt in seinen Gedichten immer wieder darauf zurück. Rachmaninow, 30 Jahre alt, kleidet das Sujet in einen Mantel aus warmer Schwermut und stillem Erschrecken. Das Gefühl des Winters herrscht noch vor, wenn zu Beginn die tiefen und dunklen Klangfarben dominieren: Fagotte, Violoncelli, Bassklarinette. Später rauscht zwar der Frühling in weiten Hornkantilenen und emsig webenden Streichern, so ganz frei von klammem Gefühl wird man als Hörer aber nicht: Das Orchesternachspiel erzählt erneut von der Brüchigkeit aller Harmonie.

Den gesamten Beitrag lesen Sie in der Aprilausgabe von FONO FORUM.