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Vom Sündenschlaf erwacht

Der Barockgeiger Gunar Letzbor stellt mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria Franz Joseph Aumanns Passionsoratorium aus dem Stift St. Florian vor.
Von Klemens Hippel

Herr Letzbor, wer andere Passionsmusiken dieser Zeit kennt, erlebt hier eine Überraschung: Dieses Oratorium beginnt mit dem Erdbeben nach dem Tode Jesu.
Das ist ein ganz großer Unterschied zu den protestantischen Passionsmusiken. Hier steht nicht das Leiden Jesu im Zentrum, sondern das Wunder seiner Liebe zu den Menschen bis zum Tod, mit dem er uns von den Sünden reinwäscht. In Österreich gab es ja in Wien die Tradition der Sepolcri, Oratorien in italienischer Sprache, die am Grabe in der Hofburgkapelle aufgeführt wurden. In den Klöstern hat man dann seit den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts begonnen, Oratorien und Kirchenmusik in der Landessprache aufzuführen, um die Gefühlswelt der einfachen Gläubigen anzusprechen – ein Akt der Gegenreformation. Zuerst zu Weihnachten, dann aber auch in der Fastenzeit. Es gab auch eine Tradition, in den Kirchen Bilder aufzustellen und dann vor diesem Hintergrund Musik fast szenisch aufzuführen. In Schlägl in Oberösterreich zum Beispiel. Hier sind Teile von Aumanns Oratorium erhalten, die offenbar als einzelne Szenen, zusammen mit anderen Stücken aufgeführt wurden, wie der Stiftskapellmeister herausgefunden hat. Aber dieses Oratorium in St. Florian, das zwei Stunden dauert, ist offenbar einzigartig.

Der Text ist pure Betrachtung – ist das dem jesuitischen Hintergrund Aumanns geschuldet?
Ja. Er war Augustiner-Chorherr, aber seine Ausbildung war jesuitisch. Das ist insofern interessant, als es bei ihm um Psychologie geht. Die Musik ist auf den Menschen und seine Empfindungen ausgerichtet. Der Katholik hat damals sein Wissen aus den Bildern in den Kirchen geschöpft, die die Bibel darstellen. Das ist der prinzipielle Unterschied zwischen der protestantischen und der katholischen Musik der Zeit: Die protestantische Musik spricht zu den Menschen. Die katholische Musik beschreibt Bilder. Sie erklärt nicht, spricht direkt das Gefühl an. Deshalb auch diese sehr bildhafte Sprache bei Aumann.

Aumann: Passionsoratorium; Alois Mühlbacher, Markus Miesenberger, Alexandre Baldo, Fabio Alves Pereira, Kendrick Nsambang, Ars Antiqua Austria, Gunnar Letzbor (2023); Accent

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