Biber
Von Matthias Hengelbrock
Bojan Čičić, 1979 in Kroatien geboren und in Oxford ansässig, ist gegenwärtig einer der interessantesten Barockgeiger, weil er in einer Zeit, in der pragmatische Kompromisse und routinierte Einheitsstile den Ton angeben, ein Höchstmaß an Differenzierungen zu bieten hat, ob in der Wahl der Violinen, Saiten und Bögen, in der Haltung des Instruments (fest unter dem Kinn, locker auf dem Schlüsselbein oder tief unten an der Brust) oder im Interpretationsansatz (von forsch-virtuos bis sinnlich-kontemplativ). Dies führt zu klanglichen Nuancen, die der Kenner sofort einordnen kann und die Ohr und Herz des Liebhabers unmittelbar erreichen. Bei Bibers acht 1681 publizierten Violinsonaten bedeutet dies einen resonanzreichen, im positiven rustikalen Ton, dessen angenehme Fülle vor allem bei Doppelgriffen gut zur Geltung kommt. Wie sein Instrument lotet Čičić auch die Musik aus, artikuliert ungemein nuancenreich, trumpft an geeigneten Stellen selbstbewusst auf, um an anderen fast schon in Melancholie zu versinken. Dem entspricht ein breites, stets funktional konzipiertes Spektrum an Klangfarben in der Begleitung, und was Steve Devine (Orgel/Cembalo), Elizabeth Kenny (Theorbe) und Siobhán Armstrong (Harfe) hier leisten, ist ebenfalls vorzüglich. In seinem persönlich gehaltenen Vorwort zollt Čičić seinem Vorbild Andrew Manze Respekt, dessen Einspielung dieser Sonaten ihm vor über dreißig Jahren den Weg in die Barockmusik gewiesen habe. Nicht auszuschließen ist, dass Čičićs kongeniale Interpretation ihrerseits junge Geiger dazu inspirieren wird, sich mit historischen Spieltechniken gewinnbringend auseinanderzusetzen.