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Sterne des Monats

Echoes of the Forest

Von Tom Reinhold

Andreas N. Tarkmann dürfte der begnadetste Arrangeur der Gegenwart sein. Das überaus lesenswerte Booklet von Ann-Katrin Zimmermann schweigt sich leider darüber aus, was Tarkmanns Motivation für die Bearbeitung von zwei späten Hauptwerken Schumanns für Klarinette und Orchester gewesen sein mag – aber das Ergebnis ist phänomenal. Die Waldszenen op. 82, ein neunteiliger Zyklus für Klavier, klingen in der Bearbeitung, als ob dies die Originalfassung wäre. Tarkmann hat Schumanns Tonsprache genau getroffen, der Klang der Klarinette paart sich perfekt mit dem Kammerorchester, das insgesamt sehr dezent eingesetzt wird. Natürlich hören wir im Waldlied auch Hörner, aber Tarkmann widersteht der Versuchung, diese laut auftrumpfen zu lassen. Es ist zu hoffen, dass die ausgezeichneten Interpreten – allen voran Klarinettist Roeland Hendrikx mit warmem und sanftem Ton – keine exklusiven Rechte auf diese Bearbeitung haben und sie bald in den Konzertsälen weltweit zu hören sein wird. Gleiches gilt für die Bearbeitung des Violinkonzerts, das sich bis heute im Repertoire schwertut (nicht ganz zu Unrecht). Tarkmann hat nicht nur die Solostimme transkribiert, sondern auch die Orchesterbegleitung entsprechend angepasst, wiederum so gelungen, dass man die ursprüngliche Fassung des Stücks nicht mehr erahnt, geschweige denn vermisst. Eine sehr willkommene Bereicherung des schmalen Repertoires romantischer Klarinettenkonzerte.

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Winterberg

Von Burkhard Schäfer

Seit der Wiederentdeckung der Musik des tschechisch-deutschen Komponisten jüdischer Abstammung Hans Winterberg (1901-91) vor rund zehn Jahren haben es sich die Label Toccata Classics und EDA zur Aufgabe gemacht, seine Werke einzuspielen. Die EDA-Reihe, die mit der vorliegenden CD in die vierte Runde geht und in Kooperation mit dem „Exilarte“-Zentrum für verfolgte Musik sowie dem Verlag Boosey & Hawkes produziert wird, ist meines Erachtens sowohl interpretatorisch als auch von den profunden Booklet-Texten her der Toccata vorzuziehen. Wir hören: vier Werke für unterschiedlichste Besetzungen aus allen Schaffens­epochen Weinbergs. Beim Quintett für Violine, zwei Klarinetten, Horn und Klavier (1935) handelt es sich um sein frühestes, beim Klarinettenquintett (1981/82) um sein letztes Kammermusikwerk. Das erschütternde zweite Streichquartett (1942), das hier erstmals in seiner vollständigen Fassung erklingt, schrieb Winterberg, als er für die Nazis Zwangsarbeit leisten und in einem „Judenhaus“ leben musste. Mein persönliches Highlight der CD ist die nur knapp acht Minuten kurze Rhapsodie für Posaune und Klavier (1951), die man in einem Atemzug mit Hindemiths zehn Jahre zuvor komponierter Sonate für dieselbe Besetzung nennen muss. Wer die Musik Hans Winterbergs kennenlernen will, sollte mit diesem – fantastischen! – Album beginnen, da es die vielen Facetten des Komponisten auf engem Raum intensiv zum Ausdruck bringt.

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Nicolai

Von Frank Siebert

Wer die Morgenröte der Romantik neu erleben möchte, ist mit Christof Keymers Einspielung von Otto Nicolais Klavierwerken bestens bedient. Nicolais Musik, die Mendelssohns Esprit, Schumanns Poesie, Liszts Virtuosität und die große Kunst des italienischen Belcanto zu vereinen scheint, zeugt von der musikalischen Aufbruchstimmung nach Beethovens Tod. Auch wenn sich der Einfluss Beethovens in Nicolais Klaviersonate op. 27 noch widerspiegelt, verkünden die meisten Werke eine Zeitenwende, vor allem hörbar in der großen, voll glühender Italianità komponierten Trans­kription über Themen aus Bellinis Oper „Norma“ oder in den drei zum gehaltvollen Charakterstück tendierenden Etüden op. 40. Christof Keymer, der auch einen kenntnisreichen und ausführlichen Essay zu Nicolais Leben und Werk geschrieben hat, bleibt den Werken in puncto Virtuosität und poetischer Durchdringung nichts schuldig, und sein feines Gespür für gesanglich gestaltete Legatobögen wie in der ersten Etüde op. 40 macht die Kostbarkeit dieser pianistischen Preziosen erst deutlich. Dass man bei so viel Raritäten nicht ohne Nicolais bekannteste Komposition auskommen muss, dafür sorgen zwei launige Transkriptionen über „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Alfred Jaëll und Alessandro Longo.

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Schubert

Von Johannes Schmitz

Schuberts „Müllerin“ literarisch-konzentriert, kabarettistisch, mitunter ironisch zugespitzt, auf der Basis einer meisterlich beherrschten klassischen Gesangstechnik gesungen im Stil eines Liedermachers, eines Troubadours, eines Barden, eines Volkssängers, eines kabarettistischen Chansonniers, begleitet auf einem Tafelklavier. Wer jetzt abgeschreckt ist, verpasst eine sensationelle Liedplatte. Rhythmisch sehr frei mit im Klassikmetier verpönter extremer Agogik macht sich der helle Bariton Georg Nigl Schuberts Lieder zu eigen. Seine sehr große dynamische Flexibilität mit feinem Kopfklang erlaubt ihm wunderbar geschmeidige Phrasierungen, die immer ganz im Sprachduktus sind. Hier wird glaubhaft erzählt, als sei man im Moment des Einfalls dabei, als höre man die Geschichte zum ersten Mal. Das ist Kunstlied vom Feinsten, ohne Sängerpose, ohne Behauptungen, ohne Aufblähungen. Und es ist gleichzeitig großartiger Gesang, frei, gekonnt, überlegen, zu jeder Emotion fähig, auch zur ironischen Überzeichnung (wo es passt) – wovon Schuberts Musik und Müllers Texte ja voll sind. Es ist eine Befreiung, dass endlich jemand den Mut hat, Schubert aus dem Musikvereinssaal in seine Kammer zurückzuholen. Nigl und der Pianist Alexander Gergelyfi brechen mit der bildungsbürgerlichen Aufführungs- und Hörtradition. Sie verfremden – was zu maximaler Sensibilisierung führt. Sie machen Schubert nicht kleiner, sie machen ihn anders, nahbarer. Das in seiner Klangentfaltung begrenzte Tafelklavier wird dabei zum Antreiber, zur Lauten-Gitarren-Harfen-Zither, zum knorrigen Begleitmustergeber, zum Schlaginstrument, zur dezent sentimentalen Stütze – kurz: zu einem höchst lebendigen Widerpart und Mitspieler. Das ist eine Liedinterpretation aus dem Geist der historisch-informierten Aufführungspraxis. Mit Wissen und Können, Neugier und Lust, Mut und Freiheit. Keine künstlichen Lieder, Kunstlieder, kunstvoll kunstlos.

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