Schubert
Von Johannes Schmitz
Schuberts „Müllerin“ literarisch-konzentriert, kabarettistisch, mitunter ironisch zugespitzt, auf der Basis einer meisterlich beherrschten klassischen Gesangstechnik gesungen im Stil eines Liedermachers, eines Troubadours, eines Barden, eines Volkssängers, eines kabarettistischen Chansonniers, begleitet auf einem Tafelklavier. Wer jetzt abgeschreckt ist, verpasst eine sensationelle Liedplatte. Rhythmisch sehr frei mit im Klassikmetier verpönter extremer Agogik macht sich der helle Bariton Georg Nigl Schuberts Lieder zu eigen. Seine sehr große dynamische Flexibilität mit feinem Kopfklang erlaubt ihm wunderbar geschmeidige Phrasierungen, die immer ganz im Sprachduktus sind. Hier wird glaubhaft erzählt, als sei man im Moment des Einfalls dabei, als höre man die Geschichte zum ersten Mal. Das ist Kunstlied vom Feinsten, ohne Sängerpose, ohne Behauptungen, ohne Aufblähungen. Und es ist gleichzeitig großartiger Gesang, frei, gekonnt, überlegen, zu jeder Emotion fähig, auch zur ironischen Überzeichnung (wo es passt) – wovon Schuberts Musik und Müllers Texte ja voll sind. Es ist eine Befreiung, dass endlich jemand den Mut hat, Schubert aus dem Musikvereinssaal in seine Kammer zurückzuholen. Nigl und der Pianist Alexander Gergelyfi brechen mit der bildungsbürgerlichen Aufführungs- und Hörtradition. Sie verfremden – was zu maximaler Sensibilisierung führt. Sie machen Schubert nicht kleiner, sie machen ihn anders, nahbarer. Das in seiner Klangentfaltung begrenzte Tafelklavier wird dabei zum Antreiber, zur Lauten-Gitarren-Harfen-Zither, zum knorrigen Begleitmustergeber, zum Schlaginstrument, zur dezent sentimentalen Stütze – kurz: zu einem höchst lebendigen Widerpart und Mitspieler. Das ist eine Liedinterpretation aus dem Geist der historisch-informierten Aufführungspraxis. Mit Wissen und Können, Neugier und Lust, Mut und Freiheit. Keine künstlichen Lieder, Kunstlieder, kunstvoll kunstlos.