
Als vor fünf Jahren die Corona-Pandemie den Klassikbetrieb weitgehend lahmlegte, war eine Gruppe von Musikern davon besonders betroffen: Nachwuchskünstler, deren Karriereanlauf abrupt unterbrochen wurde. So geschehen auch bei Jonathan Ferrucci, zu Beginn der Pandemie 26 Jahre alt. 2018 war er Preisträger beim Leipziger Bach-Wettbewerb, als Solist hatte er bereits diverse Konzerte in seiner italienischen Heimat gegeben, in der Londoner Wigmore Hall debütiert und war gerade auf dem besten Weg, sich im internationalen Konzertleben zu etablieren.
„Natürlich hat mich die Pandemie sehr gebremst, viele geplante Auftritte wurden ersatzlos gestrichen. Aber die Zeit hatte für mich auch etwas Positives: Meine Liebe zur Musik wurde auf die Probe gestellt. Dass ich gerne Konzerte spiele, wusste ich ja bereits. Als die aber alle ausfielen, habe ich mehr und mehr Freude am Einstudieren und Üben gefunden – und das macht am Ende neunzig Prozent meines Berufs aus, allein in einem Raum zu sein, mit dem Instrument.“
Er habe sich in der Zwangspause intensiv mit Bach beschäftigt, erzählt Ferrucci im Interview. Etwa mit den Goldberg-Variationen oder den Toccaten, die er gerade in einer beachtlichen Einspielung vorgelegt hat. „Jede Werkgruppe von Bach, die ich einstudiere, ist für mich wie eine Pilgerreise. Bach ist, solange ich denken kann, eine Konstante in meinem Leben.“
Im Elternhaus sei er ständig von Musik umgeben gewesen, erinnert sich Ferrucci an seine Kindheit. Geboren 1993 als Sohn eines Italieners und einer Australierin, verbrachte er die ersten Lebensjahre in Sydney, bevor die Familie zurück nach Florenz zog. Hier kam er mit zwölf Jahren am Konservatorium in die Klavierklasse von Giovanni Carmassi, einem Pädagogen, der ihn zehn Jahre begleiten und nachhaltig prägen sollte.
„Es ging bei ihm nicht darum, einfach nur die Partitur zu analysieren. Sondern Carmassi lehrte Musik immer auch von einem menschlichen, emotionalen Standpunkt aus. Sein Unterricht war voller Metaphern und Symbolik, er hat immer nach der Bedeutung der Musik gesucht, der Essenz dessen, was der Komponist mitteilen wollte. Er hat mir beigebracht, viele Dinge zu hinterfragen, Virtuosität nie als Selbstzweck zu sehen und den Respekt vor dem Werk zu bewahren. Und er hat mich immer motiviert, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, in der Natur zu sein